Der gute Mensch von Sezuan

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von Bertolt Brecht

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsangabe

Vorspiel: Eine Straße in der Hauptstadt von Sezuan

Der Wasserverkäufer Wang wartet vor den Toren der Stadt Sezuan auf die Ankunft der Götter, die er an ihrem Äußeren zu erkennen vermag. Erschöpft von der Reise, geben sie ihm den Auftrag ihnen ein Nachtquartier zu besorgen. Bei der Ausführung wird Wang jedoch immer wieder zurückgewiesen, was den Göttern nicht unbemerkt bleibt. Ähnliche Erfahrungen haben sie bereits in anderen Städten machen müssen. Während Wang weitersucht, müssen die Götter feststellen, dass sein Wasserbecher zwei Böden hat. Letztendlich erklärt sich nur die Prostituierte Shen Te bereit, den Göttern ihre Kammer für die Nacht zu überlassen. Dafür verzichtet sie sogar auf einen Kunden, dessen Geld sie eigentlich dringend für ihre Miete benötigt hätte. Die Götter, erfreut über Shen Tes Gutmütigkeit, erfahren am nächsten Morgen von ihrer misslichen Situation und hinterlassen ihr eine Summe Geld als Bezahlung für das Nachtquartier

Stichwörter/wichtige Textstellen

(Die Seiten- und Zeilenangaben beziehen sich auf Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1955. ).

Der zweite Gott: "Es gibt keinen Gottesfürchtigen mehr, das ist die nackte Wahrheit, der ihr nicht ins Gesicht schauen wollt." (S.12, Z.3-4)

Der dritte Gott: "In dem Beschluss hieß es: die Welt kann bleiben, wie sie ist, wenn genügend gute Menschen gefunden werden, die ein menschenwürdiges Dasein leben können" (S.12, Z. 9-12)

Shen Te: "Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?" (S.18, Z.9)

Szene 1: Ein kleiner Tabakladen

Von dem Geld der Götter ist es Shen Te gelungen, einen kleinen Tabakladen zu erstehen. Die ehemalige Ladenbesitzerin Shin hält es für eine Selbstverständlichkeit, von Shen Te jeden Tag einen Topf Reis zu erhalten. Als Shen Te von Shin um Geld gebeten wird, und auch die früheren Wirtsleute, deren Angehörige und ein heruntergekommener Mann sie um Hilfe bitten, kann sie nicht Nein sagen. Als auch noch der Schreiner auftaucht, um die Rechnung für die Regale der Ladeneinrichtung einzutreiben, sieht Shen Te keinen anderen Ausweg als einen Einfall ihrer Wirtleute aufzugreifen und zu behaupten, sie haben einen Vetter, der für die Rechnungen aufkommen würde. Immer mehr Verwandte quartieren sich im Tabakladen ein und bedienen sich an den Vorräten. Sie feiern bei kreisendem Weinkurg und singen dabei das „Lied vom Rauch“.

Zwischenspiel: Unter einer Brücke

In der falschen Annahme, keine Herberge für die Götter gefunden zu haben, versteckt sich der Wasserverkäufer aus Scham vor ihnen. Im Traum erscheinen ihm die Götter jedoch und zeigen sich enttäuscht von seiner fehlenden Tapferkeit und dem leichtfertigen Davonlaufen. Sie klären ihn auf und erzählen, dass Shen Te ihnen letztendlich doch noch ein Nachtquartier bot. Die Götter loben sie für ihre Gutmütigkeit und fordern Wangs Unterstützung während ihrer Suche nach guten Menschen.

Szene 2: Der Tabakladen

Am frühen Morgen klopft es an der Tür des Tabakladens und ein junger Mann, der sich als Vetter Shui Ta vorstellt, tritt ein. Er wirft die ungebetenen Gäste hinaus, diese aber weigern sich zu Gehen und warten erfolglos auf Shen Te. Der Schreiner erscheint erneut und verlangt den Begleich der Rechnung über 100 Silberdollar. Shui Ta drückt dessen Forderung auf 20 Silberdollar, mit der Begründung, dass die Stellagen verschnitten sein. Währenddessen hat ein Junge, der zur Besuchergruppe gehört, beim Kuchenbäcker Brötchen für seine Familie gestohlen. Shui Ta ermöglicht nach dem Gespräch mit einem Polizisten die sofortige Festnahme des Jungen und seiner Eltern. Die Vermieterin betritt den Laden und verlangt, dass Shen Te die halbe Jahresmiete im Voraus bezahlt, da sie an deren Ruf zweifelt, doch Shui Ta schafft es, die Bezahlung aufzuschieben. Aus Dank für die Zusammenarbeit, ermöglicht der Polizist schließlich eine Heiratsannonce für Shen Te in der Zeitung.

Szene 3: Abend im Stadtpark

Shen Te macht sich auf den Weg zu einer Verabredung mit einem möglicherweise Heiratswilligen. Im Stadtpark trifft sie auf den verzweifelten Flieger Yang Sun, der versucht sich mit einem Strick das Leben zu nehmen, da er schon lange stellungslos ist. Es regnet und unter einem Baum beginnen die beiden ein Gespräch und erzählen sich aus ihrem Leben. Da Sun durstig ist, kauft Shen Te für ihn Wasser vom vorbeikommenden Wang, der das „Lied des Wasserverkäufers im Regen“ singt.

Zwischenspiel: Wangs Nachtlager in einem Kanalrohr

Wieder erscheinen die Götter in Wangs Traum. Dieser erzählt ihnen von Shen Tes guten Taten und der Hilfe ihres Vetters Shui Ta, worüber die Götter bestürzt sind. Wang jedoch rät ihnen, am Anfang nicht zu viel von Shen Te zu erwarten.

Szene 4: Platz vor Shen Tes Tabakladen

Die ehmalige Hausbesitzerin Shin, der Arbeitslose, sowie die Schwägerin und der Großvater der Familie, die Shui Ta heausgeworfen hat stehen vor dem Tabakladen und sind sehr ungehalten darüber, dass Shui Ta noch immer da ist. Sie werden Zeuge wie Shu Fu, ein wohlhabender Barbier, Wang aus seinem Geschäft wirft und ihn mit seiner Brennschere auf die Hand schlägt. Von den Familienmitgliedern wird Wang angeraten zum Richter zu gehen und Shu Fu anzuzeigen und Schmerzensgeld zu erlangen. Währenddessen befindet sich Shen Te auf dem Rückweg zu ihrem Laden. Leichtsinnig kauft sie im Teppichladen einen Schal, um Sun zu gefallen, da sie sich in ihn verliebt hat. Die beiden alten Besitzer des Ladens bieten ihr an, ihr die 200 Silberdollar für die Halbjahresmiete vorzustrecken, was Shen Te dankend annimmt.

Am Laden angekommen, muss Shen Te entsetzt feststellen, dass keiner der Zeugen des Vorfalls bereit ist, als Zeuge für Wang auszusagen. Sie selbst will nun einspringen und obwohl sie beim Tathergang nicht anwesend war, ist sie gewillt aus Mitleid zu Wang eine Aussage zu machen.

Als Yang Suns Mutter auftaucht und von der Stelle erzählt, die ihr Sohn für 500 Silberdollar in Peking angeboten bekommen hat, ist Shen Te sofort bereit ihr die zuvor geliehenen 200 Silberdollar zu geben und sogar für die restlichen 300 Silberdollar aufzukommen. Dafür wäre sie sogar bereit, ihren Laden zu verkaufen.

Zwischenspiel vor dem Laden

Während Shen Te „Das Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten“ vorträgt, legt sie sich den Anzug und die Maske an und verwandelt sich langsam in Shui Ta. Sie klagt über die mangelnde Unterstützung der Götter und darüber, dass die Guten allein gelassen werden.

Aufbau

Lyrische Einlagen

In Brechts Bühnenstücken wird eine Vielzahl von Mitteln für die Erzielung des Verfremdungseffekts genutzt. "Eine verfremdende Abbildung ist eine solche, die den Gegenstand zwar erkennen, ihn doch zugleich fremd erscheinen läßt". Die Lieder spielen dabei eine wichtige Rolle.

Unterbrochen und umspielt wird die Fabel außerdem durch das Vorspiel und die Zwischenspiele, die, von Göttern handelnd, die Fabel in einen höheren Bezug stellen, und schließlich wendet sich der Dichter im Epilog an das Publikum mit der Bitte um eine gute Lösung. Brecht möchte mit den „Unterbrechungen“ den Zuschauer daran erinnern, dass es sich um ein Theaterstück handelt. Außerdem soll die Möglichkeit gegeben werden das Geschehene zu reflektieren.


Während der Handlung, lassen fünf Lieder das Geschehen kurzzeitig innehalten: „Das Lied vom Rauch", „Lied des Wasserverkäufers im Regen", „Das Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten", „Das Lied vom Sankt Nimmerleinstag" und „Lied vom achten Elefanten". Mit der szenischen Handlung sind sie nur lose verknüpft. Sie stellen sozusagen einen lyrischen Grundakkord dar, auf dem sich die gesamte Handlung erhebt. Vorgetragen werden die Stücke jeweils von Personen, die sich in einer misslichen Situation befinden. In abgewandelter Form wird jeweils die Ohnmacht, Wehrlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Nichtigkeit des Menschen gezeigt. Aussicht auf Hoffnung gibt es nicht.


„Das Lied vom Rauch“ wird von den drei Bedürftigen vorgetragen, die sich in Shen Tes Tabakladen einquartiert haben, sich noch dazu an den Vorräten zu Schaffen machen und damit Shen Tes Hilfbereitschaft maßlos ausnutzen. Die Bedürftigen sind Vertreter dreier Generationen. Der Großvater hatte immer die Hoffnung, mit seiner Klugheit durchs Leben zu kommen, doch muss erkennen, dass diese Klugheit zum überleben nicht genügt: "Heute weiß ich, keine Klugheit reichte Je, zu füllen eines armen Mannes Magen."

Der Mann ist zu der Ansicht gekommen, dass weder Kriminalität noch ehrliche Arbeit zu einer gesicherten Existenz führen und die Nichte hat herausfinden müssen, dass auch der Faktor Zeit keine Hoffnung und keine Besserung der Lebenssituation bríngen kann: "Doch uns Jungen, hör ich, steht das Tor weit offen. Freilich, hör ich, steht es offen nur ins Nichts."

Der Rauch symbolisiert die Vergänglichkeit des Glücks und den flüchtigen Genuss. Das Lied verweist auf Shen Tes Situation. Ihr Tabakladen, vom Geld der Götter erstanden, steht vor dem Ruin. Sie wird bedrängt von Gästen und Gläubigern. Durch ihre Güte und Freundlichkeit ist sie in diese Situatuion geraten. Auch im Lied bringen Tugenden wie Klugheit, Redlichkeit und Fleiß sie nicht weiter, auch das Gegenteil bewirkt dasselbe. Die Lage ist aussichtslos.



Das "Lied vom achten Elefanten" wird vorgetragen von den Arbeitern in Shui Tas Tabakfabrik. Die Lage der Arbeiter wird im Bild der sieben Arbeitselefanten dargestellt. Ihre Aufage besteht darin einen Wald zu roden. Angetrieben werden sie vom achten Elefanten, der den Eigentümer des Waldes trägt. Erfolglos versuchen sie sich gegen ihre Situation aufzulehnen. Sie haben genug von der Arbeit: "Sieben Elefanten wollten nicht mehr. Hatten satt das Bäumeabschlachten." Der achte Elefant, der als einziger einen Zahn besitzt, setzt diesen als Waffe gegen die anderen Tiere ein um seinen Herrn zu unterstzützen: "Seinen Zahn hatte nur noch der achte.Und Nummer acht war vorhanden, schlug die sieben zuschanden. " Im ersten Teil des Liedes wird die ausweglose Situation der Arbeitselefanten dargestellt, im Refrain das Verhalten des Aufsehers und des Eigentümers. Der achte Elefant ist überflüssig – genau wie Suns neue Arbeit als Aufseher. Bei dem Lied handelt es sich inhaltlich um poetische Reflexion.


Personenkonstellation und Charakteristika

Die Gesellschaft

Die Gesellschaft in Sezuan befindet sich auf einem vorindustriellen Entwicklungsstand. Das tägliche Leben wird von Not und Elend, Hunger, Arbeitslosigkeit und Geldsorgen bestimmt. Verursacht werden die schwierigen Lebensumstände durch Naturkatastrophen und den Mangel an Erwerbsmöglichkeiten. Zwar gibt es Hinweise auf eine beginnende Industrialisierung, doch die Lebensverhältnisse der Menschen bleiben gleich.

Die Bedeutung des Geldes

In diesen elenden Lebensumständen sind alle Menschen darauf konzentriert durchs Leben zu kommen. Jeder ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht und der Umgang untereinander ist auf Handel und Geschäft beschränkt. Das Geld, das nicht vorhanden ist, aber so dringend benötigt wird, ist immerzu allgegenwärtig: Scheck, Miete, Vorauszahlung, Kredit. Die Menschen werden durch das Geld angetrieben und bei dem Bestreben an Geld zu kommen wird alles zur Ware, sogar die Liebe. Alle Bemühungen richten sich nur auf die gegenwärtige Situation, für die Zukunft tut sich keine Perspektive auf.

Interpretationsansätze

Parabel

Im Untertitel trägt das Stück "Der gute Mensch von Sezuan" die Bezeichnung "Parabelstück". Der Begriff "Parabel" stammt aus der Epik und bezeichnet eine lehrhafte Erzählung über einen Vorgang bzw. Sachverhalt. Verwandt ist die Parabel mit der Fabel, in beiden werden verschiedene Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens kritisiert. Leser und Zuschauer werden aufgefordert die Erzählung analogisch in das Gemeinte zu übertragen. Die Bezeichnung "Parabelstück" geht zurück auf Bertolt Brecht, der mehrere seiner Stücke als Parabel konzipierte. In diesem Fall werden die Zuschauer jedoch weniger aufgefordert auf das "Gemeinte" zu schließen als vielmehr die Handlung sinnbildlich auf ihr eigenes Leben und die Gesellschaft zu übertragen. Eine moralische Botschaft soll also das Sozialverhalten der Zuschauer vebessern.

Brechts Theorie des Epischen Theaters

Theodizee

Auf besondere Weise behandelt Brecht in "Der gute Mensch von Sezuan" das Problem der Theodizee. Ursrünglich beschäftigt sich der Theodizee-Begriff mit der Frage, wie die Existenz des Bösen und des Übels mit der Gutmütigkeit Gottes zu vereinen ist.

Buchquellen

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