Episches Theater

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Das epische Theater geht auf Bertolt Brecht als Begründer zurück und distanziert sich deutlich vom klassischen Theater. Der Zuschauer wird motiviert, das Gegebene nicht gedankenlos hinzunehmen, sondern zu hinterfragen und zu verändern. Erreicht wird dies, indem der Zuschauer durch Verfremdung (Illusionsbrechung) auf Distanz gehalten wird.

Inhaltsverzeichnis

Aufbau und Wirkung

Die Dramentheorie des epischen Theaters wurde in den 1920er Jahren von Bertolt Brecht entwickelt. Das Wort „episch“ (vom griechischen „Epos“: Geschichte, Rede) deutet auf eine erzählende, berichtende Darstellung hin; später bezeichnete er es auch als ein „dialektisches Theater“, da er das Wort „episch“ als zu irreführend erachtete. Teilweise wird es auch als „nicht-aristotelisches Theater“ bezeichnet.

B. Brecht thematisierte Zeitprobleme wie Krieg, Inflation, Anwachsen des Kleinbürgertums oder die Gleichberechtigung der Frau. Das revolutionäre an seinen Stücken war, dass er keine szenische Wirklichkeitsnachahmung dieser Themen anstrebte, sondern die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die Kausalbeziehungen untereinander, verständlich aufzeigen wollte, damit der Zuschauer ein vertieftes Verständnis der aktuellen Problematiken erlangen konnte. Es handelt sich folglich um eine lehrhafte Darstellungen realer Geschehnisse, in denen die vertraute Realität in ihren Widersprüchen dargestellt wird (Lehrstück). Um das zu erreichen, wird der Verfremdungs-Effekt (V-Effekt) als episches Mittel und Grundelement eingesetzt.

Vom Zuschauer wird erwartet, sich nicht, wie im klassischen Theater, mitreißen zu lassen, sondern das agitierende Theaterstück mit kritischer Distanz zu verfolgen. Die Welt selbst wird als veränderlich dargestellt. Der Zuschauer wird „aktiviert“ und das Stück erzwingt dadurch von ihm eine, oft auch politische, Entscheidung. Auch wenn das epische Theater mehr an den Verstand appelliert, als das es auf emotionaler Ebene Gefühle provozieren will, arbeitet es auch nicht dagegen an; mitschwellende Gefühle, die zum Denken anregen, sind durchaus erlaubt: Belehrung und Unterhaltung werden verknüpft. Um den Zuschauer weiter zum Nachdenken anzuregen, darf das Theaterstück nicht in sich geschlossen werden, und so wird der Schluss offen gelassen. Dem Zuschauer bleibt es frei, alternative Verhaltensweisen zu ersinnen und den Ausgang des Stückes in gewisser Weise selbst zu bestimmen.

Verfremdungseffekt

Der V-Effekt ist ein illusionsstörendes Mittel und verhindert das rein emotionale Mitschwingen des Zuschauers - das völlige Aufgeben seiner selbst im Stück - und fordert so wache, kritische Anteilnahme, die erforderlich ist, um die Thematik des Stücks produktiv zu vermitteln. Erreicht wird dies im epischen Theater durch zahlreiche Einschübe, die den Zuschauer überraschen, in ihm Staunen oder Ablehnung hervorrufen sollen und ihn so vom Geschehen und den Schauspielern selbst emotional trennen - Akteure und Handlung erscheinen ihm dadurch fremd. Im Folgenden sind einige Möglichkeiten, einen V-Effekte auszulösen, aufgeführt:

  • Prologe und Epiloge
  • Selbsteinführung der Schauspieler
  • Szenentitel
  • Kommentierung durch einen Erzähler
  • Lieder und Gedichte
  • Zwischensprüche und Spruchbänder
  • Projektionen (z.B. auf Wände oder den Bühnenvorhang)
  • Direkte Hinwendungen zum Publikum
  • Sparsame Bühnenbildgestaltung

Der Zuschauer soll erkennen, wie und warum die Schauspieler handeln. Diese müssen sich dabei meist selbst von ihrer Rolle distanzieren.

Ein gutes Beispiel bietet das Theaterstück "Der gute Mensch von Sezuan" (Brecht, Uraufführung 1943). Darin arbeitet er mit einem Vorspiel, mehreren Zwischenspielen und einem Epilog. Desweiteren sind Lieder wie "Das Lied vom Rauch" und der "Lied vom achten Elefanten" eingeschoben.

Abb.1: "Der gute Mensch von Sezuan"


Das Bild zeigt die Aufführung eines epischen Theaterstücks in der Schaubühne Berlin. Zum einen sticht das spärlich gestaltete Bühnenbild hervor; zum anderen wurde die Haupt-Handlung gerade von einem der Schauspieler unterbrochen, der sich singend den Zuschauern zuwendet.


Vergleich zum klassischen Theater

Brecht selbst legte seine Dramentheorie in den Anmerkungen zur Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ 1930 dar und erstellte eine Tabelle, in der er sein episches Theater dem klassischen Theater, auch als dramatisches Theater bezeichnet, gegenüberstellte. Das Wort „dramatisch“ ist hier im Sinne von „mitreißend“ zu verstehen. Das epische Theater ist dem klassischen Drama nicht entgegengesetzt, vielmehr handelt es sich eine Verschiebung des Schwerpunktes, wie Brecht betonte.

Episches Theater Klassisches Theater
Die Bühene erzählt dem Zuschauer Die Bühne "verkörpert" einen Vorgang
Macht ihn zum Betrachter, aber weckt seine Aktivität Verwickelt den Zuschauer
Vermittelt Kenntnisse Vermittelt Erlebnisse
Erzwingt eine Entscheidung Ermöglicht Gefühle
Der Zuschauer wird der Handlung gegenübergesetzt Der Zuschauer wird in eine Handlung hineinversetzt
Der veränderliche und verändernde Mensch ist Gegenstand der Untersuchung Der unveränderliche Mensch wird als bekannt vorausgesetzt
Die Welt, wie sie wird Die Welt, wie sie ist
Gesellschaftliches Sein bestimmt das Denken Denken bestimmt das Sein

Vertreter: Brecht

Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 geboren, war kommunistisch und hing der Utopie einer besseren Welt nach, was u.a. auch in seinem weltberühmten Stück „Die Dreigroschenoper“ zum Ausdruck kommt. Er bezog seine Theaterstücke auf politische und gesellschaftliche Themen; so kämpfte er, auch als er sich schon im Exil befand, mit seinen Theaterstücken bis 1939 indirekt gegen den Nationalsozialismus an, wobei er sein „Anschauungsmaterial“ jedoch stark vermisste. Er wollte die Realität für seine Zuschauer durch das epische Theater durchschaubarer machen und sozialkritische Fragen aufwerfen.

Quellen

  1. Häring,W.; Biermann,H.; Schurf,B.: Texte, Themen und Strukturen.Berlin,Cornelsenverlag, 1995, 1. Auflage
  2. Friedrich,A.et al.: Abiturwissen Literatur. Frankfurt a.M., PAETEC, 2004
  3. Brockhaus Enzyklopädie: in vierundzwanzig Bänden. Bd. A-Z, 19. völlig neubearb. Aufl., Mannheim: F.A. Brockhaus, 1990, Band 6, Seite 469, "episches Theater"
  4. Episches Theater. entnommen aus URL: http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/epischthea.html [Stand: 11.03.2012]
Abb.1: "Der gute Mensch von Sezuan". entnommen aus URL: www.data.heimat.de/pics/d/8/a/1/3/ec_d8a1338b0994d6e83a010a3767d24598.jpg [Stand: 11.03.2012]
Die Tabelle wurde in Auszügen der erstgenannten Quelle entnommen.
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