Lyrik der Empfindsamkeit

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Inhaltsverzeichnis

Begriffserklärung

Der Begriff „Empfindsamkeit“ leitet sich aus dem englischen Wort „sentimental“ ab. Geprägt wurde die Bezeichnung von Gotthold Ephraim Lessing und Johann Joachim Christoph Bode, die den Titel des Romans „A sentimental journey through France and Italy“ (1768) von Laurence Sterne mit „Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“ übersetzten.

„Empfindsam“ bedeutet soviel wie gefühlvoll, romantisch, sentimental, einfühlsam und verträumt.

Weltanschauung

Die Empfindsamkeit ist eine literarische Strömung der Aufklärung. Sie ist nicht als Gegenströmung zur Aufklärung aufzufassen, sondern vielmehr als eine Ergänzung dieser. Zusätzlich zu der auf Verstand und Vernunft fixierten Weltanschauung der Aufklärung, standen in der Epoche der Empfindsamkeit die Betonung des Gefühls und seelischer Regungen im Vordergrund. Diese innere Ergriffenheit bzw. die verstärkte Wahrnehmung von Gefühlen wurde, nach Ansicht der Lyriker der Empfindsamkeit, durch Natur- oder Kunsterlebnisse, aber auch durch anregende Gespräche mit anderen Schriftstellern hervorgerufen.

Historische Einordnung

Die literarische Strömung der Empfindsamkeit lässt sich etwa in die Zeit von 1730-1790 einordnen. Das 18. Jh. markiert den Beginn der Neuzeit bzw. der Zeit der Moderne. Zu dieser Zeit rückte die Wissenschaft verstärkt in den Mittelpunkt und so wurden entscheidende Erfindung, wie z.B. die Dampfmaschine gemacht. Im Zuge der Aufklärung begannen die Menschen des Bürgertums das absolutistische System zu kritisieren. Die Zustände der Zeit sollten reflektiert werden und die Gebote des vernünftigen Denkens hatten höchste Priorität. Der Bürger sollte durch eigenständiges Denken zu einem bürgerlichen Selbstbewusstsein gelangen.

In der Epoche der Aufklärung stand also das rationale Denken im Mittelpunkt, Gefühlsregungen wurde wenig Bedeutung zugeschrieben. Verständlich, dass sich einige Menschen nach einer Hinwendung in das eigene Innere, dem Hören auf die eigene Seele sehnten.

Motive der Lyrik der Empfindsamkeit

  • Die Innerlichkeit des Menschen wird betont.
  • Das Individuum und dessen Gefühle stehen im Mittelpunkt.
  • Dem Seelenleben wird die größte Bedeutung beigemessen.
  • Das lyrische Ich ist fähig starke Gefühlsregungen zu zu lassen.
  • Das Seelenleben des lyrischen Ichs wird offen gelegt.
  • Pantheismus: In der Empfindsamkeit sah man in Gott eine Urkraft, die in der Natur und dem gesamten Kosmos wieder zu finden ist. Demnach ist Gott nicht als eine Person zu sehen. Diese religiöse Einstellung nennt man Pantheismus. Schon seit der Antike gibt es pantheistische Denkweisen. Die Werke der Empfindsamkeit, vorallem die Klopstocks, sind von dem individuellen Erleben Gottes in der Natur geprägt. Gott lässt sich überall finden, in jedem "Wurm, und im Knospenzweig" (Hölty,"Das Landleben"). Die Pracht Gottes zeigt sich der Vollkommenheit und Schönheit der Natur. Lyriker der Empfindsamkeit ehrten Gottes Schöpfung, die Natur, und damit Gott selbst in ihren Werken sehr.
  • Gegenüberstellung des idyllischen, romantisch anmutenden Landlebens und des bürgerlichen, auf Verstand ausgerichteten Stadtlebens
  • Als Ideal galt nur die Zulassung von „positiven“ Affekten, wie - Nächstenliebe, Naturliebe und Gottesliebe.
  • Verehrung der Natur und der Menschlichkeit
  • Humanismus, d.h. der Umgang mit Menschen soll ständig verbessert werden, die Würde und Freiheit des Menschen stehen dabei im Vordergrund. Es wird sich mit Fragen rund um das menschliche Dasein beschäftigt: „Was ist der Mensch?“, „Wie kann der Mensch dem Menschen ein Mensch sein?“
  • In der religiösen Dichtung greifen die Lyriker der Empfindsamkeit auf die Bewegung des Pietismus zurück. Der Pietismus war ein protestantische Bewegung, bei welcher der Schwerpunkt auf einer Praxis orientierten Auslebung des christlichen Glaubens lag. Der Glaube wurde subjektiv, enthusiastisch und mit Gefühl ausgelebt. Dies führte zu einer gefühlsbetonten und persönlichen Frömmigkeit, die in der Literatur vor allem in dem Epos „Messias“ von Klopstock wieder zu finden ist.
  • Man bezog sich auf Rousseas Aussage „Gefühl ist mehr als Denken“
  • Ziel war, wie auch das der Aufklärung, die sittlich-moralische Erziehung der Bürger.

Der Einfluss der englischen und französischen Literatur

Als Vorläufer und Vorbild der empfindsamen Literatur, gilt die in der englischen und französischen Literatur verarbeitete Gefühlskultur. Inspiriert wurden deutsche Lyriker von Wochenschriften aus England, die zu Moral erzogen, und von Naturdichtungen. Autoren wie Edward Young, James MacPherson, Laurence Sterne und Jean-Jaques Rousseau spürten bereits, dass jeder Mensch von einem „natürlichen Gesetz“ und einem „feineren Sinn“ geleitet wird. Ihre Darstellung der Gefühlswelt in ihren Werken und der dadurch aufkommende Konflikt zwischen Verstand und Gefühl, beeinflussten die deutschen Lyriker, die später zu Autoren empfindsamer Literatur wurden.

Abgrenzung zur Aufklärung

Die Empfindsamkeit ist, im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Ansicht, sie wäre eine Gegenströmung zur Aufklärung, eine parallele Strömung zur Aufklärung, die die Weltsicht der Aufklärer ergänzt. Genau wie die Literatur der Aufklärung, richtet sich die der Empfindsamkeit gegen die Vorherrschaft des Adels und den Klerus. Die Bürger des Bürgertums sollen durch die Kunst, also hier die Literatur zu sittlich-moralisch denkenden, selbstbewussten, mündigen Bürgern erzogen werden. In der Aufklärung geschah diese Erziehung allerdings ausschließlich über den Verstand. In der Literatur der Empfindsamkeit sollte sich diese Erziehung jedoch ganzheitlicher, auch über das Hervorrufen von Gefühlen vollziehen. Während in der Aufklärung die Natur nur mit den Augen des wissenschaftlichen Verstehens gesehen wurde, galt die Natur unter „empfindsamen“ Lyrikern als einer der wichtigsten Auslöser von Gefühlsregungen. Auch das Gottesbild unterschied sich von dem der Aufklärung. In der Empfindsamkeit nahm man wieder pantheistische Denkweisen an und das persönliche Erleben Gottes Schöpfung in der Natur galt als höchstes Gut. In der Aufklärung richtete sich der Fokus stark auf das Vernunftdenken. Alles wurde kritisch hinterfragt und wissenschaftlich untersucht. Deshalb geriet auch die Religion in den Fokus dieser kritischen Betrachtungen.

Empfindsamkeit und Sturm & Drang

Der Sturm und Drang ist keinesfalls separiert zur Empfindsamkeit zu sehen. Die Strömung des Sturm und Drang geht vielmehr aus der Empfindsamkeit hervor. Das Kernelement des Sturm & Drang ist ebenfalls die Betonung des Gefühls. Allerdings sind die Gefühlsausbrüche in der Literatur des Sturm und Drang leidenschaftlicher und teilweise übersteigert. Die Literatur des Sturm und Drang ist sehr viel dynamischer als die der Empfindsamkeit. Diese Dynamik wird oft durch eine Häufung von Ausrufen erzeugt. Die Literatur der Empfindsamkeit hingegen ist gedigener und elegischer. Des Weiteren steht im Sturm und Drang das Individuum und dessen Selbstfindung stärker im Vordergrund. Ein weiterer Unterschied ist, dass empfindsame Lyrik deutlich mehr von Religiösität geprägt ist. Der Pantheismus und Pietismus spielen in den Werken der Empfindsamkeit eine bedeutende Rolle, während im Sturm und Drang oft Gottesbilder der Antike behandelt werden (siehe "Ganymed", "Prometheus"; Goethe).

Dass sich diese beiden Strömungen aber trotzdem ähnlich sind und nicht als getrennt angesehen werden können, zeigt sich am Beispiel Goethes Werkes „Die Leiden des jungen Werther“ (1774). Der Briefroman lässt sich sowohl der Empfindsamkeit als auch dem Sturm & Drang zuordnen.

Merkmale der Empfindsamkeit in der Lyrik am Beispiel von Klopstocks „Züricher See“

Die enthusiastische Ode „Züricher See“ entstand 1750 im Zuge einer Fahrt auf dem Züricher See. Enthusiastische Oden zeichnen sich durch den Ausdruck unmittelbarer Leidenschaft und Feierlichkeit aus. Themen sind oft Liebe und Freundschaft. In seinem Werk "Züricher See" beschreibt der junge Klopstock die Freude an der Natur und dem Erleben der Freundschaft. Anhand ausgewählter Beispiele aus dieser Ode sollen Merkmale der Literatur der Empfindsamkeit herausgearbeitet werden:

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
Das den großen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmal denkt.

kein Reimschema, abcd, kein festes Metrum, durch eingeschobene Phrasen, wie "Mutter Natur", wird der Redefluss unterbrochen, keine festen Regeln, Poetik ist nicht an Normen gebunden, dadurch können Gefühle ungebändigt ausgedrückt werden

Bereits diese erste Strophe lässt Klopstocks pantheistische Denkweise erkennen. In der Natur lässt sich die Pracht Gottes erkennen. Durch das Erleben der Schönheit der Natur ("Schön ist deiner Erfindung Pracht") wird dem lyrischen Ich die wunderbare Schöpfung Gottes bewusst ("Das den großen Gedanken Deiner Schöpfung noch einmal denkt.")

Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh,
Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender

Natur als Gefühlsauslöser, Seele des "Jünglings" ist "empfindend"

Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich! Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit

Göttlichkeit als Auslöser des Gefühls, hier wird das Gefühl der Freude hervorgerufen, Ausrufe: "Du selbst", "dich!", "Ja!" Diese Ausrufe sind Ausdruck der unmittelbaren Gefühlswahrnehmung. Der Ausspruch "Schwester der Menschlichkeit" könnte auf humanistische Denkweisen zurück gehen, da der Mensch aus Sicht der Humanisten ein übergeordntetes Wesen, also eine Art Idealbild darstellte.

Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen

"Empfindungen"

Wenn er dringt bis ins Herz

betont die Innerlichkeit

frommen Wunsch

Bezug zum christlichen Glauben - Pietismus

O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!

Freundschaft als wichtiges Gut, Ausruf zum Ausdruck der Freude

Worte, die romantisierte Vorstellungen der Natur und der Menschlichkeit ausdrücken, werden häufig verwendet: "sanft", "süße", "lieblich", "Freude", "schön"

Bedeutende Autoren und Werke der Empfindsamkeit

Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803)

Klopstock

Der bedeutenste Dichter der Empfindsamkeit war Friedrich Gottlieb Klopstock. Er war eines von 17 Kindern. Klopstock war einer der ersten Berufsautoren, die sich ausschließlich durch das Schreiben finanzierten. Das Leben des Dichters war von tiefer Religiösität geprägt, die Ausdruck in seinen Werken findet.

Werke

  • „Messias“, Epos, 1748
  • „Züricher See“, Ode, 1750
  • „Die Frühlingsfeier“, Ode, 1759

Matthias Claudius (1740-1815)

Werke

  • „Abendlied“, Gedicht

Der junge Goethe (1749-1832)

Werke

  • „Die Leiden des jungen Werther“, Briefroman, 1774

Bevorzugte literarische Formen

  • Ode: Der Begriff "Ode" bedeutet übersetzt soviel wie "Gesang, Lied". Die Ode ist ein Gedicht, in welchem eine feierliche und erhabene Stimmung ausgedrückt wird. Oden haben meist keinen Endreim und weisen pro Strophe 4 Verse auf. Wie auch in Hymnen kommt in Oden oft große Begeisterung zum Ausdruck.
  • Hymne: Hymnen sind Lob-und Preisgesänge. Ursprünglich waren Hymnen, wie auch Oden, Lieder, die zur Verehrung Gottes und der Natur vorgetragen wurden. In der Empfindsamkeit wurden Hymnen jedoch nicht mehr gesungen. Doch auch die Vertreter der Empfindsamkeit drückten in Hymnen ihre Ehrfurcht vor Gott und der Natur aus. Hymnen sind in der Regel getragener als Oden. Auch Hymnen weisen keinen Reim auf.
  • Epos: Ein Epos ist eine Erzählung. Da ein Epos in Versen geschrieben ist, ähnelt er dem Gedicht. Ein typisches Beispiel für Epen der Empfindsamkeit ist Klopstocks "Messias". Das Werk "Messias" setzt sich aus 20 religiösen-hymnischen Gesängen zusammen. Das Versmaß des Werkes ist der Hexameter(6-hebiger Daktylus), welcher besonders typisch für Epen ist.
  • Idylle: Idyllen sind kleine Gedichte, die bildhaft die romantisch anmutende Landschaft darstellen. Das ländliche Leben wird als besonders reizvoll, friedlich und harmonisch beschrieben. Oft sind Idyllen kleine Hirtengedichte.
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