Sprachverfall

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Sprachverfall

Sprachverfall bezeichnet die negative Auffassung des Sprachwandels.

Die Sprache befindet sich in einem ständigen Wandel, sowohl im schriftlichen als auch im mündlichen Gebrauch.

Sprachkritiker verurteilen heute vor allem die verstärkte Mündlichkeit in der Schriftsprache, die durch neue Medien, wie das Mobiltelefon und Internet entstanden sei. Dort, wo Linguisten z.B. durch den Einfluss anderer Sprachen (Entlehnungen) eine Erweiterung der Sprache sehen, beurteilen Kritiker dies als Verlust der eigenen Sprachvielfalt. Damit beschäftigt sich unter anderem der Verein Deutsche Sprache, der sich vielfältig für das Ansehen der deutschen Sprache einsetzt. (http://www.vds-ev.de/)

Der Begriff Verfall in Bezug auf Sprache wird meist im Sinne von Verhunzung, Verkommen oder Wertverlust des Sprachgebrauchs genutzt. Die tatsächliche Gefährdung einer Sprache, das Aussterben beispielsweise eines Dialekts, stellt eine andere Seite dar. Man muss also zwischen den Befürchtungen der Kritiker und einem tatsächlichen Verfall der Sprache im Sinne von Auflösung differenzieren.
Kritiker der Sprache gab es schon immer, zu jeder Zeit gab es Befürchtungen, die Sprache würde durch Erneuerungen kaputt gehen.

Anhand der verschiedenen sprachlichen Ebenen verdeutlicht sich der ständige Sprachwandel. Man unterscheidet zwischen inneren und äußeren Faktoren und darunter verschiedene Ebenen.

Sprachliche Ebenen

interne Faktoren

Phonologische Ebene: Aussprache

Akzent-, Laut-, Silbenverschiebung
Assimilation (Angleichung der Wortsegmente)
≠ Dissimilation
Bsp.: Zimber → Zimmer

Umlaute

Bsp.: alt → elti → Eltern

Auslautverhärtung

Bsp.: tages/tac → Tages/Tag

Abschwächung/Tilgung

Bsp.: market → Markt

Morphologische Ebene: Wortendungen

- Morphemabbau

Bsp.:

Althochdeutsch Neuhochdeutsch
Singular Plural Singular Plural
tag taga Tag Tage
tages tago Tages Tage
tago tagum Tag(e) Tagen
tagu Tag Tage

Synthetische Formen werden zu analytischen Formen

große Relationen durch das Wort → durch Hilfsmittel ausgedrückt

Analogischer Wandel

starke Verben zu schwachen Verben
Bsp.: bellan - bal - gebollan → bellen - bellte - gebellt

Volksetylogischer Wandel

Hamburger → eigtl. von der Stadt → nicht von "Ham" (engl. Schinken)

Synthaktische Ebene - Grammatik

V1 → finites Verb am Anfang: Frage
V2 → Hauptsatz
VEnde → finites Verb am Ende: Nebensatz

Semantische Ebene: Bedeutungsänderung

Bedeutungserweiterung
Bsp.: Tier (Wild) → Tier (alle Tiere)
≠ Bedeutungsverengung
Bsp.: faran (Fortbewegen) → fahren (techn.)
Bedeutungsverbesserung/-verschlechterung
(eng.)Knight: Knabe → Ritter
Dirne: junge Frau → dienende Frau → Prostituierte

externe Faktoren

Sprachkontakt

Bewertung, da Sprache mit höherer sozialer Prestige überwiegt
Entlehnung
Bsp.: Abenteuer → aventure (frz.)
Bilingualismus bei gleichstarken Sprachen

Lehnübersetzung

Bildung nach dem Vorbild fremder Muster, jedoch mit den Mitteln der eigenen Sprache.
Bsp.: superfluitas → übarfleozzida → überfluss

Lehnübertragung

bspw. auf semantischer Ebene:
Gift: Geschenk (heute noch in "Mitgift" erkennbar) → Arznei

Sprachwandel - Entstehung

Es gibt verschiedenste Faktoren, die Sprachwandel unterstützen. Die Sprache ist immer auf der Suche nach Vereinfachung, nach dem einfachsten Gebrauch, der einfachsten Aussprache, so, wie der Linguist Rudi Keller es im Prinzip der unsichtbaren Hand nachvollziehbar macht. Demnach kann man zum Beispiel annehmen, dass aus dem Wort "Senf" einmal "Semf" o.Ä. entsteht, da die Aussprache leichter fällt, sich mit der Zeit diese Form normiert.
Die wohl größten Veränderungen in der Vergangenheit lassen sich auf die Globalisierung und technische Fortschritte zurückführen. Durch das Aufeinandertreffen verschiedener Sprachen entstehen Lehnwörter (s. Sprachebenen). Auch in berufsspezifischen Fachjargons verwendet man häufig Anglizismen, die durch Benennungsprobleme entstanden sind.
Ebenso verursachen Migranten eine Veränderung der Sprache: sie vermischen häufig zwei Sprachen, die sich mit der Zeit normalisiert. Teilweise kommt es dadurch zur "Hyperkorrektheit" des Sprachgebrauchs, da sie versuchen, die Normen der oberen Schichten einzuhalten.

Allgemein gilt, dass Menschen in ihrer Sprache variieren → Codeswitching. Die sprachlichen Bedürfnisse werden angepasst, sodass eine Gruppenzugehörigkeit entsteht.
Außerdem kann man sagen, dass die Tendenz der Sprache mehr zur Mündlichkeit übergeht. So werden zum Beispiel immer weniger Briefe geschrieben, dafür umso mehr SMS, in denen durch die Zeichenbegrenzung Abkürzungen etc. genutzt werden.
Das ist ein Anlass für Kritiker, einen Verfall der Sprache zu sehen - durch Abkürzungen und Smilies würden die grammatischen Regeln in Vergessenheit geraten.


Meinungen

Wolfgang Krischke, Sprachwissenschaftler und Journalist, sieht den Sprachwandel z.B. als "Verschleifung und Vereinfachung der indogermanischen Sprachen" und wirft Linguisten, die den Sprachwandel als Weiterentwicklung beurteilen, einen "indignierten Ton", der sich "bei näherem Hinsehen als bloßer Schein" entpuppt, vor.
In einem Zeitungsartikel schreibt Constanze Kurz über die Folgen des Handys und SMS-Schreibens: demnach finde die "technikinduzierte Falschschreibung schnell Einzug in den sonstigen Schriftgebrauch" (Constanze Kurz, aus: "Am Rubikon der Sprachgewalt", FAZ, 7.1.2012).
Auch der Autor der bekannten Buchreihe "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", Bastian Sick, kritisiert deutlich, jedoch auf humorvolle Weise den Sprachentwicklung. So schreibt er z.B.: "Dass die Orthografie nicht jedermanns Sache ist, ist bekannt. Noch weniger Freunde aber hat die Zeichensetzung."

Weblinks und Quellen

Rainer Wimmer, "Sprachkultur, Sprachkritik, Sprachverfall - eine Positionsbestimmung
Constanze Kurz, "Am Rubikon der Sprachgewalt", FAZ, 7.1.2012
Wolfgang Krischke, "Triebkräfte des sprachlichen Umbruchs heute"
Bastian Sick, "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" Kiepenheuer & Witsch
Internetpräsenz des "Verein Deutsche Sprache": http://www.vds-ev.de/
Spiegel Artikel "Eine unsäglich scheußliche Sprache": http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13508690.html

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